Sr. Birgitta OSB - Gebet und Arbeit

 

Einleitung:

Wenn man nach der Eigenart benediktinischer Spiritualität fragt, kommt fast immer als erstes „Ora et labora“ „Gebet und Arbeit“. Diese Formulierung kommt in der Benediktsregel zwar nirgends vor, aber sie trifft durchaus Entscheidendes, wenn auch verkürzt. Man müsste zu „Gebet und Arbeit“ auf jeden Fall „Geistliche Lesung“ hinzufügen, wenn man dem hl. Benedikt gerecht werden möchte. Trotzdem wollen wir heute den Akzent tatsächlich auf „Gebet und Arbeit“ legen.

In einem 1. Punkt möchte ich etwas zu der Einheit von Gebet und Arbeit sagen so wie der hl. Benedikt es sieht, in einem 2. wie das Gebet nach der Vorstellung des hl. Benedikt sein soll, in einem 3. möchte ich ein paar Aussagen des hl. Benedikt über die Arbeit zusammentragen, in einem 4. Punkt die heutige Situation unserer Arbeitswelt schildern und schließlich in einem 5. Punkt die Frage stellen, wie wir etwas von Benedikts Anliegen unter heutigen Verhältnissen lebnen können.


1. Die Einheit von Gebet und Arbeit

Benedikt geht von der Vorstellung aus, dass „Gott überall gegenwärtig ist“, „dass die Augen des Herrn überall auf uns schauen“ (RB 19,1), das heißt, dass wir ständig in seiner Gegenwart leben. Es gibt für ihn keine Trennung des Lebens in eine profane Welt, zum Beispiel eine profane Berufswelt, und eine sakrale Gebetswelt. Wo auch immer wir sind, sind wir seine Geschöpfe, seine „Ebenbilder“, die von Christus Erlösten, die zu Söhnen und Töchtern Gottes Berufenen, die ihn „Abba“ nennen dürfen. Er ist ihnen als liebender Herr überall gegenwärtig. Sie können aus seiner Liebeszuwendung gar nicht herausfallen. Deshalb können, deshalb sollen sie ihr ganzes Leben in engem Kontakt mit ihm bleiben, überall, wo sie auch sind. Wenn Gebet „Zuwendung zu Gott“ bedeutet, dann sollte ihr ganzes Leben „Gebet“ sein, allerdings mit unterschiedlichen Graden der Ausdrücklichkeit und Intensität; doch sollte die Arbeit nicht aus der Grundbeziehung zu Gott herausreißen, da auch sie unter den Augen Gottes, in seiner Gegenwart geschieht.


2. Wie das Gebet sein soll

Benedikt gibt seinen Mönchen konkrete Hinweise, wie ihr Gebet sein soll. Ähnlich wie Jesus sagt er, wir „sollen nicht viele Worte machen“ (RB 20,3) und noch präziser: „... das Gebet sei kurz und lauter, nur wenn die göttliche Gnade uns erfasst und bewegt, soll es länger dauern.“ (RB 20,4) Der hl. Augustinus erklärt diese Anweisung so: „Man erzählt, die Brüder in Ägypten verrichteten sehr oft Gebete. Diese sind allerdings sehr kurz und gleichsam wie ein Pfeil, damit die bewusst geweckte Aufmerksamkeit, die für den Beter unbedingt notwendig ist, nicht durch allzu lange Dauer dahinschwindet und an Kraft verliert. Sie (die Mönche) zeigen ..., dass man in dieser Aufmerksamkeit nicht einfach durchhalten soll, wenn sie nicht anzudauern vermag, dass man sie aber auch nicht plötzlich abbrechen soll, solange sie andauert.“ (QT, 234-2335) In diesen Ausführungen wird deutlich, wie das Gebet durch ein Zusammenspiel von Gott und Mensch zustande kommt. Der Mensch wählt das kurze Gebetswort und versucht sich ihm mit voller Aufmerksamkeit zuzuwenden. Ob und wie lange dies gelingt, schenkt Gott, der in diesem Wort die Seele ergreift und auf sich richtet. Deshalb beginnt fast jede benediktinische Gebetszeit mit den Worten: „O Gott, komm mir zu Hilfe, Herr eile mir zu helfen!“ Der Beter weiß, dass das Gebet ohne Gottes Hilfe nicht gelingt.

Eine wichtige Voraussetzung für gutes Beten ist deshalb die Haltung der Ehrfurcht. Benedikt sagt: „Beachten wir also, wie wir vor dem Angesicht Gottes und seiner Engel sein müssen, und stehen wir so beim Psalmensingen, dass Herz und Stimme in Einklang sind“, „ut mens nostra concordet voci nostrae“ (RB 19,6-7), wörtlich übersetzt, dass der Geist und das, was der Mund ausspricht, im Herzen zur Übereinstimmung kommt. Darauf kommt es beim Beten an. Aber wir alle wissen, wie schwer das ist. Deshalb sagt schon der hl. Cyprian: „Verschließen soll sich das Herz gegen den Widersacher, Gott allein soll es offen stehen und dem Feind Gottes in der Stunde des Gebetes keinen Zutritt gestatten. Denn er schleicht sich häufig heran und drängt sich bei uns ein und lenkt durch schlauen Trug unser Gebet von Gott ab, so dass wir etwas anderes im Herzen haben als auf der Zunge. ... Aber wie kannst du verlangen, dass Gott auf dich hört, wenn du selbst nicht auf dich hörst?“ (QT, 227) Wir sind immer wieder mit Irdischem, mit Planungen und vor allem mit uns selbst beschäftigt. Es ist hilfreich, sich regelmäßig vor dem Beginn des Gebetes zu vergegenwärtigen, dass Gott „da“ ist, „und wie wir vor dem Angesicht Gottes und seiner Engel sein müssen“ oder wie Benedikt an anderer Stelle sagt: „Wenn wir mächtigen Menschen etwas unterbreiten wollen, wagen wir es nur in Demut und Ehrfurcht. Um wie viel mehr müssen wir zum Herrn, dem Gott des Weltalls, mit Demut und lauterer Hingabe flehen.“ (RB 20, 1-2)

Die Ehrfurcht ist das eine, die Schlichtheit und Innigkeit des Tuns das andere, was Benedikt empfielt. Im Kapitel über das „Oratorium“, also den Gebetsraum der Mönche sagt Benedikt: „Wenn einer still für sich beten möchte, trete er einfach ein und bete, nicht mit lauter Stimme, sondern mit Tränen und mit wacher Aufmerksamkeit des Herzens.“ (RB 52, 4) In diesem Satz ist fast jedes Wort von Bedeutung. „Wenn einer still für sich beten möchte“. Benedikt kennt also nicht nur das Chorgebet, zu dem alle verpflichtet sind, sondern darüber hinaus den spontanen Impuls zu beten, mit dem geliebten Herrn und Gott Zwiesprache zu halten. Das geschieht, wenn das Herz von etwas erfüllt ist, aus Freude, aus Bedrängnis oder aus Liebe. Wenn einen also das Herz drängt, „trete man einfach ein und bete“, das heißt, gebe man diesem Impuls nach, wenn es irgendwie möglich ist. Da in diesem Fall, das Herz schon von sich aus auf Gott hin ausgerichtet ist, braucht man es nicht erst – durch Erweckung von Ehrfurcht für das Gebet zu bereiten -, sondern man richte sich sofort direkt an Gott „trete man einfach ein und bete.“ „Nicht mit lauter Stimme“, nicht mit viel Getöse, das sich wichtig macht und womöglich die Aufmerksamkeit anderer auf sich zieht, sondern leise, entsprechend dem Wort Jesu „Wenn du beten willst, geh in deine Kammer und schließe die Tür zu; dann bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist.“ (Mt 6,6) Also „nicht mit lauter Stimme, sondern mit Tränen“. Was meint Benedikt damit? Sr. Michaele Puzicha sagt: „Die `Gabe der Tränen` kennzeichnet Selbsterkenntnis und Reue – auch bei Benedikt. In ihnen drückt sich eine tiefe Beziehung zu Gott aus. Dabei geht es nicht (primär) um Ergriffenheit, sondern um eine ungeteilte Ausrichtung auf den Herrn, die im Gebet wächst.“ (Kommentar zu RB, 440). Und so folgt unmittelbar auf die Nennung der Tränen, „mit wacher Aufmerksamkeit des Herzens“. Mit ihr ist nach Sr. Michaela „die Anspannung aller Sinne, die Sehnsucht, die Reinheit des Herzens,...“ (Kommentar zur RB, 440-441) gemeint. Das „Gebet mit Tränen und mit wacher Aufmerksamkeit des Herzens“ bezieht also den ganzen Menschen ein, auch seine Gefühle und Sinne, aber nicht in einem „Schwelgen in Gefühlen“, sondern gleichzeitig mit wacher, klarer Ausrichtung auf Gott. 

Zusammenfassend lässt sich also sagen: Die Gebete den Tag über – nicht das Stundengebet – sollen kurz sein, aber mit voller Wachheit und Innigkeit vollzogen werden in der Hoffnung, dass Gott selbst das Herz ergreifen und so den ganzen Menschen auf sich hin ausrichten möge


3.
Einige Aussagen Benedikts über die Arbeit

Wie sieht der hl. Benedikt nun die Arbeit der Mönche? Zunächst ist es wichtig, sich klar zu machen, dass das Benediktinische Mönchtum unter Berufung auf Paulus und die Wüstenväter die Arbeit aller Mönche für selbstverständlich hielt, während in der Antike derjenige als „pauper“, als „arm“ galt, der sich seinen Lebensunterhalt durch Arbeit verdienen musste und sich nicht ausschließlich der Muße hingeben konnte (vgl. Kommentar zur RB, 410). Insofern haben die benediktinischen Klöster die Arbeit sozusagen „hoffähig“ gemacht. Der Sinn der Arbeit ist wie bei Paulus und den Wüstenvätern der, anderen „nicht zur Last zu fallen“ (1 Thess 2, 9), sondern von der eigenen Hände Arbeit zu leben und auch noch Almosen geben zu können (Kommentar zur RB, 409). Beide Gründe sind für benediktinisches Mönchtum bis heute von Bedeutung.

Benedikt geht von der Tatsache aus, dass jedem Mönch Arbeit „zugewiesen“ (RB

42,7)  oder „aufgetragen“ (RB 25,3) wird. Der Mönch  sucht sich seine Arbeit nicht selber aus, wobei Benedikt durchaus auf vorhandene Fähigkeiten der einzelnen Mönche Rücksicht nimmt. Niemand soll etwas tun, was er nicht kann (RB 38,12), aber niemand soll sich auf sein Können etwas einbilden und sich für das Kloster für besonders wichtig halten (RB 57,2-3).

„(Der Abt) regle und ordne alles so, dass es den Brüdern zum Heil dient und sie ohne berechtigten Grund zum Murren ihre Arbeit tun können“ (RB 41,5), heißt es wörtlich. Wenn der Abt in der rechten Weise sorgt, dann kann den Brüdern die Arbeit also „zum Heil dienen“, nicht nur das Gebet. Hier knüpft Benedikt an die Tradition der Wüstenväter an, etwa an das brühmte Apophthegma des hl. Antonius. Dort heißt es: „Als der Altvater Antonios einmal in verdrießlicher Stimmung und mit düsteren Gedanken in der Wüste saß, sprach er zu Gott: ´Herr, ich will gerettet werden, aber meine Gedanken lassen es nicht zu. Was soll ich in dieser meiner Bedrängnis tun? ... ´ Bald darauf erhob er sich, ging ins Freie und sah einen, der ihm glich. Er saß da und arbeitete, stand von der Arbeit auf und betete, setzte sich wieder und flocht an einem Seil, erhob sich dann abermals zum Beten; und siehe, es war ein Engel, der gesandt war, Antonios Belehrung und Sicherheit zu geben. Und er hörte den Engel sprechen: ´Mach es so und du wirst Heil erlangen.´ Als er das hörte, wurde er mit großer Freude und mit Mut erfüllt, und durch solches Tun fand er Rettung.“ (QT, 390) Diese Lehre setzte Benedikt in einen Rhythmus von Gebet und Arbeit um, weil der Mensch offensichtlich weder nur beten noch nur arbeiten kann. Wie an so vielen Stellen in der Benediktsregel geht es auch hier um „das rechte Maß“ von Gebet und Arbeit..

Und nicht nur allgemein „um das rechte Maß“, sondern sogar angepasst an den einzelnen Mönch. So sagt Benedikt: „Kranken oder empfindlichen Brüdern – lateinisch steht dort `delicati`“, also z. B. Söhnen aus der römischen Oberschicht, die in ihrem Leben vor dem Klostereintritt niemals gearbeitet hatten, „werde eine passende Beschäftigung oder ein geeignetes Handwerk zugewiesen; sie sollen nicht müßig sein, aber auch nicht durch allzu große Last der Arbeit erdrückt oder gar fortgetrieben werden“  (RB 48,24). Benedikt wusste bereits um die sehr unterschiedliche arbeitsmäßige Belastbarkeit von Menschen und akzeptierte sie.

Die Arbeit gehört für Benedikt also selbstverständlich zum klösterlichern Leben, aber eine Arbeit, die qualitativ und quantitativ den jeweiligen Vermögen der Mönche angepasst ist. Benedikt kennt Ausnahmen. Er sagt beispielsweise: „War die Arbeit einmal härter, liegt es im Ermessen und in der Zuständigkeit des Abtes, etwas mehr (an Brot) zu geben, wenn es gut tut.“ (RB 39,6). Aber grundsätzlich soll die Arbeit den Möglichkeiten der Mönche, der Menschen angepasst sein, soll „humane“ Arbeit sein.


4. Unsere heutige Arbeitswelt

Genau das trifft für unsere heutige Arbeitswelt nicht mehr zu. Ihr Maßstab ist nicht mehr der Mensch, sondern der Erfolg, die Gewinnmaximierung. Der Mensch muss sich der Arbeit anpassen, so gut er es vermag. Es gibt niemanden, der alles so anordnet, dass es den Menschen zum Heil dient (vgl. RB 41,5). Terrence Kordon, Benediktiner der Abtei Richardton in North Dakota, sagt: „Überarbeitung ist ein ernstes Problem im heutigen Leben als ganzen. Unsere Gesellschaft insgesamt arbeitet sich zu Tode. ...(Doch) ein Leben, das nur noch aus Arbeit besteht, ist verstümmelt und verarmt, auch wenn wir es nicht merken“ (Kordon, 414-415).

Außerdem hat sich die Qualität der Arbeit verändert. Durch die digitale Revolution gibt es heute keine klare Trennung mehr zwischen Arbeit und Freizeit und auch nicht zwischen Berufswelt und zu Hause. Michael Hochschild, Professor für Zeitdiagnostik an der Ècole für Politikwisenschaft in Paris, sagt: „Ich werde nicht mehr gemessen an meiner Arbeitszeit und auch nicht mehr an den Arbeitsprodukten, sondern am Arbeitstempo, an all dem, was ständig hereinkommt und sofort erledigt werden muss. Deshalb gibt es keine legitime Pause mehr, die ich oder der Arbeitgeber bestimmen könnte. Wir leben fremdbestimmt. Ein ruhiger, gelassener Umgang mit Arbeit ist dabei nicht mehr möglich“ (Hochschild, 54). Und etwas später: „Eben dies überstrapaziert die Leute, weil sie ständig im Arbeitsstrom schwimmen und kein Ufer zum Ausruhen in Sicht ist. ... Es arbeitet innerlich weiter ... auf Kosten des Schlafes und  der Beziehungen“ (Hochschild, 55).

Auch wenn bei vielen von Ihnen die Situation hoffentlich nicht ganz so krass aussieht, fühlen sich doch viele arbeitsmäßig überlastet und durch die Arbeit so in Anspruch genommen, dass es schwer fällt, eine ausgegrenzte Zeit für das Gebet zu finden und in ihr ins Beten hineinzufinden. Deshalb wollen wir in einem letzten Punkt der Frage nachgehen, was wir in dieser Situation tun können.


5. Wie können wir Benedikts Anliegen unter den heutigen Verhältnissen leben?

Erstaunlicherweise gibt uns Hochschild selbst eine erste wichtige Antwort. Er meint: „Letztlich geht es ... darum, die doppelte Buchführung von Gebet und Arbeit aufzugeben und zu einer ganzheitlichen Lebensweise zu gelangen“ (Hochschild, 53). Einige Seiten weiter sagt er: „Es ist also nicht damit getan, eine mechanische Zeitverkürzung einzuführen, sondern ich muss eine neue Haltung der spirituellen Souveränität aufbauen“ (Hochschild, 55). ... „Die monastische Lebensweise scheint mir genau wie die intellektuelle Lebensweise eine `ewige` Lebensweise zu sein. ... `Ewig` bedeutet hier: Außer dem Schlaf bringt mich nichts davon ab, mich geistig zu regen, solange ich lebe. ... Die Arbeit gehört notwendig zum Leben... Es gehört dazu, die mir anvertrauten Probleme zu bearbeiten. Ich bleibe ständig daran. Hier zähle ich nicht die Stunden“ (Hochschild, 57).

Diese „neue Haltung einer spirituellen Souveränität“ scheint mir in dem Ausgangspunkt unserer Überlegungen über die Sichtweise des hl. Benedikt bereits verwirklicht zu sein, nämlich in seiner Überzeugung, „dass Gott überall gegenwärtig ist“ und „seine Augen an jedem Ort auf Gute und Böse schauen“ (RB 19,1) oder in den Worten des Römerbriefs ausgedrückt: „Denn ich bin gewiss: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Gewalten der Höhe oder der Tiefe noch irgendeine andere Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn“ (Röm 8,38-39). Das heißt: Ganz gleich woher und wann die E-Mails, die SMSs oder die Anrufe kommen, sie kommen aus der Welt, die Gottes Schöpfung ist, deren Erlösung er sich Unendliches hat kosten lassen, und der er in seinem „Ich bin da“ ständig zugewandt ist. Das heißt nicht, dass alle diese Nachrichten und Anfragen uns nicht immer wieder überfordern, aber je besser es uns gelingt, sie im Licht der Gegenwart Gottes zu sehen, desto weniger.

Es geht also zunächst darum, in uns das Bewusstsein und das Gefühl zu stärken: Wenn ich in die Arbeit gehe, gehe ich in Gottes Welt. Und wenn mich die Arbeit bis nach Hause begleitet oder verfolgt, ist es wiederum Gottes Welt, die mich begleitet und nicht loslässt. Aber er selbst geht ja mit und schaut auf mich auch in diesen Situationen. Dieses Grundbewusstsein hilft.

Und ein Zweites: Trotz der Hektik der modernen Arbeitswelt gibt es in ihr - sogar erstaunlich oft - Zeiten des Wartens: Man selber wartet auf Verkehrsmittel, ein angekündigter Besucher kommt später, weil auch sein Verkehrsmittel nicht pünktlich ankam oder eine Besprechung länger dauerte als geplant. Das Netzwerk des PC ist überlastet. Es dauert und dauert, bis er endlich hochfährt, oder er reagiert überhaupt nicht. Eine angekündigte E-mail, die dringend beantwortet werden soll, kommt und kommt nicht herein. Der Absender wurde durch etwas Unvorhergesehenes aufgehalten. Und so weiter und so fort.

Falls es gelingt, sich in diesen Zeiten des Wartens der Gegenwart Gottes bewusst zu werden und sie mit den oben beschriebenen kurzen, aber intensiv vollzogenen Gebetssätzen zu füllen, sind diese Wartezeiten nicht mehr nervenaufreibend, sondern Minuten unter Umständen tiefer Gnadenerfahrung mitten im Arbeitsalltag.

Außerdem gibt es auch im Leben moderner Menschen einfache oder mechanische Arbeiten, die keine volle Konzentration in Anspruch nehmen, und die es deshalb erlauben, während ihrer Durchführung zu beten, sei es Zähne putzen, Strümpfe waschen, die Spülmaschine ausräumen, Staubsaugen, Kartoffeln schälen, Gemüse oder Fenster putzen, Eingang kehren, Mülltonne herausstellen oder was es sonst noch für Verrichtungen gibt. Man kann sie tun, ohne dabei an irgendetwas zu denken, sozusagen mit leerem Kopf. Man kann während ihrer einem Kummer oder einem Ärger nachhängen. Man kann während ihrer aber eben auch beten. Und wieder sind es jene kurzen mit Innigkeit und voller Aufmerksamkeit des Herzens vollzogenen Gebetssätze oder –worte, die das Leere und Banale zu einer intensiven Gottesbegegnung werden lassen können, wenn man Sehnsucht nach dem Kontakt mit Gott hat, weil diese in ausdrücklichen Gebetszeiten gewachsen ist.  Heute nachmittag wollen wir das einmal konkret versuchen.

Und so scheint es möglich zu sein, auch in der heutigen Zeit Gebet und Arbeit miteinander zu verbinden.

 

 

Literatur

(RB) Regula Benedicti, Die Benediktusregel lateinisch/deutsch, hrsg. im Auftrag der Salzburger Äbtekonferenz, Beuroner Kunstverlag, Beuron

(Kommentar) Puzicha Michaela, Kommentar zur Benediktusregel – mit einer Einführung von Christian Schütz, im Auftrag der Salzburger Äbtekonferenz, EOS Verlag Erzabtei St. Ottilien 2002

(QT) Quellen und Texte zur Benediktusregel, Zusammengestellt und hrsg. von Michaela

Puzicha in Zusammenarbeit mit Johannes Gartner und Plazidus Hungerbühler, im Auftrag der Salzburger Äbtekonferenz, EOS Verlag Erzabtei St. Ottilien 2007

Kardon Terrence, „Arbeit ist Gebet“ – nein! Eine Verteidigung der Muße. In: Erbe und Auftrag, Monastische Welt, 4/2009, 407-417

Hochschild Michael im Gespräch, Arbeit und Gebet – wie geht das zusammen? Monastische Lebenskultur aus dem Geist der Muße. In: Erbe und Auftrag, Monastische Welt, 1/2010, 52 – 63

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